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Steuererklärung nach Bezug von Kurzarbeitergeld

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Steuererklärung nach Bezug von Kurzarbeitergeld

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Nach Bezug von Kurzarbeitergeld während der Corona-Pandemie ist bei der Einkommensteuer-erklärung 2020 einiges zu beachten. Wir haben nachgefragt. Astrid Striehn, stellv. Bezirksgeschäftsführerin in Thüringen im Interview mit der Lohnsteuerbeauftragten Anett Flemming:

  • In 2020 haben viele unserer ver.di-Mitglieder durch die Kurzarbeit deutlich weniger Einkommen zur Verfügung. Warum gibt es jetzt neu eine verpflichtende Steuererklärung?

    Das ist nichts Neues. So lange, wie ich schon die Mitglieder bei der Erstellung der Einkommensteuer unterstütze - was inzwischen 30 Jahre sind - fielen Lohnersatzleistungen, z. B. Kurzarbeitergeld, Schlechtwettergeld, Arbeitslosengeld und Krankengeld unter den sog. Progressionsvorbehalt.
    Dazu zählen aber nicht Sozialhilfe, ALG II, Wohngeld, Streikgeld, Krankentagegeld aus einer privaten Krankenversicherung sowie weitere staatliche Beihilfen und Zuschüsse.
    Mit dem Progressionsvorbehalt sieht das Steuerrecht vor, dass Personen mit einem hohen Einkommen, von dem allerdings einige Teile steuerfrei sind, die steuerpflichtigen Reste ihres Einkommens nicht nur mit einem Steuersatz versteuern, der eigentlich für Geringverdiener gedacht ist.
    Der momentane Stand ist, dass man bei einem Erhalt einer Lohnersatzleistung über 410 Euro eine Steuererklärung abgeben muss. In der elektronischen Jahressteuerbescheinigung, in Zeile 15, ist der Betrag des Kurzarbeitergeldes ausgewiesen.

  • Was zählt zur Einkommensteuer?

    Der Einkommensteuer unterliegen verschiedene Einkunftsarten. Bei den meisten Beschäftigten ist das mindestens die Einkunftsart „Nichtselbständige“, also die Einkünfte aus dem Beschäftigungsverhältnis.
    Da für das Erreichen dieser Einkünfte auch Aufwendungen anfallen, können die natürlich erst abgezogen werden. Am geläufigsten ist da der Begriff Werbungskosten. Werbungskosten beinhalten alle Kosten, die man zum Erhalten der Lohnzahlung aufwendet. Darunter fällt, entsprechend den Bedingungen der jeweiligen Berufsgruppe, z. B. der ver.di-Mitgliedsbeitrag, der Weg zur Arbeit und vieles mehr.
    Des Weiteren kann man vom Einkommen unter den jeweils aktuellen Regeln, Vorsorgeleistungen (Rentenversicherung, Krankenversicherung, Pflegeversicherung, Arbeitslosenversicherung), Spenden, außergewöhnliche Belastungen und noch einiges andere, wie Ausbildung außerhalb des Berufes, erhöhter Werbungskostenaufwand über 1.000 Euro oder haushaltsnahe Handwerkerleistungen geltend machen.

  • Was ändert sich nun für Beschäftigte, wenn sie Kurzarbeitergeld erhalten haben?

    Vereinfacht ausgedrückt:
    Wenn das endgültige zu versteuernde Einkommen ermittelt wurde und dieses z. B. bei einem Mindestlohnempfänger unter 3.000 Euro liegt, z. B. weil nur bis März je 1.800,00 Euro brutto/Monat gezahlt wurde, fällt keine Einkommensteuer an. Vom Lohn wurde aber schon Steuer einbehalten. Somit liegt der individuelle Steuersatz bei 0,0 % und man könnte die gesamte gezahlte Steuer zurückbekommen.
    Wenn aber die restlichen Monate das Kurzarbeitergeld gezahlt wurde, gab es ca. 9.335 Euro für den Lebensunterhalt. Somit übersteigt die Summe aus 3.000 Euro plus 9.335 Euro den Grundfreibetrag. Es werden in diesem Fall 118 Euro Steuer fällig, die aber schon vom Lohn abgezogen wurden. Daher beläuft sich die Rückerstattung lediglich auf 138 Euro.
    Bei den gleichen Bedingungen, aber 2.500 Euro Bruttolohn im Monat, kommen wir zu dem besonderen Steuersatz von 8,23 %. Es werden von den 822 Euro gezahlten Steuern nur 404 Euro zurückgezahlt.
    Je höher der Monatsbruttolohn liegt, kann es natürlich auch zu Nachzahlungsforderungen kommen.

  • Muss ein KuAG-Bezieher somit insgesamt mehr Steuern zahlen, als ohne KuAG?

    Wenn das Mitglied das ganze Jahr Tariflohn bekommen hätte, ist die nominale Einkommensteuerschuld größer als mit der Beziehung von Kurzarbeitergeld.
    An einem Beispiel für 4 Wochen Betriebsschließung im ersten Lockdown sieht man, dass eine Steuernachzahlung erfolgen wird. Hätten wir nicht die Auszahlung vom Kurzarbeiter gehabt, wäre die Steuerschuld 2.373,96 Euro gewesen, nun sind es 2.252,00 Euro.

  • Kannst du mal ein konkretes Beispiel darstellen?

    Für eine langjährige Physiotherapeutin (ledig, ohne Kind) mit einem Brutto von monatlich 3.293,27 Euro (Netto 2.121,79 Euro) und nur stundenweise erhaltenem Kurzarbeitergeld bedeutet das:
    Ohne Kurzarbeitergeld hätte sie im Jahr 39.519,24 Euro verdient. Vom Arbeitgeber wären 5.748,96 Euro Lohnsteuer als Vorauszahlung für die Einkommensteuer einbehalten worden. Der individuelle Steuersatz ist dementsprechend 18,07%.
    Aufgrund der stundenweisen Reduzierung der Arbeitszeit in den Wochen seit April 2020, hat sie jetzt eine Bescheinigung von 36.539,37 Euro Brutto im Jahr und es wurden ihr 5.006,81 Euro Lohnsteuer abgezogen. Gleichzeitig erhielt sie das jeweils für den Zeitraum definierte Kurzarbeitergeld in Höhe von 672,47 Euro. Dadurch kommt es zu dem besonderen Steuersatz von 17,31 %, der um 0,3 % höher liegt als bei der Lohnsteuerabrechnung. Somit kommt es zu einer Forderung von insgesamt 83,42 Euro Nachzahlung.

    Ein anders Beispiel für die Schließung eines Betriebes für ca. 4 Wochen im ersten Lockdown: Auf der elektronischen Jahresbescheinigung stehen 806,65 Euro für Kurzarbeit. Wäre das ganze Jahr Tariflohn gezahlt worden, hätte das Mitglied bei einem Jahresbrutto von 25.429,20 Euro eine Lohnsteuervorauszahlung von 2.373,96 Euro. Durch die 4 Wochen Schließung des Betriebes hat das Mitglied jetzt 1.132,24 Euro weniger Jahresbruttolohn und bekam dafür 806,65 Kurzarbeitergeld. Mit dem geringeren Jahreslohn wäre ein individueller Steuersatz von 11,13 % (2.137,00 Euro) zu zahlen. Mit dem Kurzarbeitergeld entsteht der besondere Steuersatz von 11,73 %, mit dem jetzt das zu versteuernde Einkommen zu multiplizieren ist. Da vom Arbeitgeber aber nur mit den 11,13 % gerechnet wurde, entsteht eine Nachzahlung von 104,00 Euro für die Einkommensteuer und 11,28 Euro Solidaritätszuschlag.

  • Wer hilft den ver.di-Mitgliedern, um nichts falsch zu machen?

    Wenn ein Mitglied Kurzarbeitergeld über 410 Euro be-scheinigt bekommen hat, sollte es sich an seinen Bezirk wenden, um mit Hilfe der/des dortigen Lohnsteuerbe-auftragten eine Unterstützung bei der Erstellung der Einkommenserklärung zu erhalten. Den Mitgliedern wird dann eine Checkliste mit Hinweisen ausgehändigt, womit das zu versteuernde Einkommen weiter minimiert werden kann.
    Damit sollte die Rückzahlung der gezahlten Einkom-mensteuer ggf. höher ausfallen oder die Nachforderung minimiert werden. Unsere ehrenamtlich und unentgeltlich arbeitenden Lohnsteuerbeauftragten sind dabei gerne behilflich. Voraussetzung für diese Unterstützung durch die ver.di-Lohnsteuerbeauftragten ist die satzungsgemäße Beitragszahlung.

 

Wir bedanken uns bei Astrid Striehn und Anett Flemming für die aufklärenden Informationen.